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ADHS und Mikronährstoffe: Was sagt die Wissenschaft zu Eisen, Zink, Magnesium, Omega-3 & Co.?

ADHS ist keine Nährstoffmangelerkrankung. Gleichzeitig wäre es zu kurz gedacht, Ernährung und Mikronährstoffe bei einer Störung, die wesentlich das Gehirn und seine Signalübertragung betrifft, grundsätzlich auszuklammern.

Denn unser Gehirn benötigt für seine normale Funktion eine erstaunliche Vielzahl an Nährstoffen: Fettsäuren werden für neuronale Zellmembranen gebraucht, Eisen und andere Mikronährstoffe sind an enzymatischen Reaktionen des Neurotransmitterstoffwechsels beteiligt und verschiedene B-Vitamine und Mineralstoffe unterstützen Nervensystem und Energiestoffwechsel.

Gibt es bei Menschen mit ADHS Besonderheiten im Mikronährstoffstatus – und hat die Korrektur eines Mangels möglicherweise klinische Relevanz?

Genau diese Frage wird inzwischen wissenschaftlich untersucht.


ADHS ist neurobiologisch komplex

ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung mit einer starken genetischen Komponente. An ihrer Entstehung sind verschiedene neuronale Netzwerke und Neurotransmittersysteme beteiligt. Besonders relevant sind dabei unter anderem Dopamin und Noradrenalin. Beide spielen eine wichtige Rolle für Aufmerksamkeit, Motivation, Impulskontrolle und exekutive Funktionen. Neurotransmitter entstehen nicht unabhängig von unserem Stoffwechsel. Ihre Synthese benötigt Aminosäuren, Enzyme und entsprechende Cofaktoren. Gleichzeitig benötigt das Gehirn kontinuierlich Energie und strukturelle Bausteine für Zellmembranen und neuronale Signalübertragung.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass ein Nährstoffmangel ADHS verursacht. Es bedeutet zunächst nur: Eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Nährstoffen gehört zu den physiologischen Voraussetzungen einer normalen Gehirn- und Nervensystemfunktion.

Besonders intensiv untersucht werden derzeit Eisen, Zink, Magnesium und Omega-3-Fettsäuren.


Eisen: besonders interessant im Dopaminstoffwechsel

Einer der interessantesten Mikronährstoffe in der ADHS-Forschung ist Eisen. Eisen wird häufig nur mit Blutbildung und Sauerstofftransport assoziiert. Im Gehirn übernimmt es jedoch weitere Funktionen. Unter anderem ist Eisen ein Cofaktor der Tyrosinhydroxylase. Dieses Enzym katalysiert einen wichtigen Schritt bei der Bildung von Katecholaminen und damit auch von Dopamin.

Was zeigen die Studien?

Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse fasste 46 Fall-Kontroll-Studien mit insgesamt 5.515 Kindern und Jugendlichen mit ADHS und 8.166 Kontrollen zusammen.[1]

Im Durchschnitt fanden die Autoren bei den ADHS-Gruppen niedrigere Werte für:

  • Zink
  • Eisen
  • Ferritin

Und was ist mit Eisen im Gehirn?

Noch spannender wird die Forschung durch moderne Bildgebungsverfahren. Ein systematisches Review von Neuroimaging-Studien untersuchte die bisherige Evidenz zu Hirneisen bei Kindern mit ADHS. Einige Untersuchungen fanden insbesondere bei medikamentennaiven Kindern Hinweise auf niedrigere Eisenkonzentrationen in bestimmten Hirnregionen.

Was gut etabliert ist:

Eisen trägt zu einer normalen kognitiven Funktion bei. Außerdem trägt Eisen zu einem normalen Energiestoffwechsel und zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei.


Zink: trägt zu einer normalen kognitiven Funktion bei

Zink ist ein weiteres Spurenelement, das in der ADHS-Forschung immer wieder auftaucht. Es ist an einer Vielzahl enzymatischer Prozesse beteiligt und spielt unter anderem bei Zellteilung, Proteinsynthese und verschiedenen Vorgängen des neuronalen Stoffwechsels eine Rolle. Auch hier finden Beobachtungsstudien Unterschiede. Die aktuelle Meta-Analyse von Wang et al. fand bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS im Durchschnitt signifikant niedrigere Zinkwerte als bei Kontrollgruppen.[1]

Verbessert eine Zinksupplementierung ADHS-Symptome?

Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse randomisierter klinischer Studien untersuchte genau diese Frage.[2] Insgesamt zeigte sich ein möglicher positiver Effekt auf den Gesamt-ADHS-Score. Für einzelne Bereiche wie Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität waren die Ergebnisse jedoch weniger eindeutig.


Magnesium: häufig empfohlen, wissenschaftlich aber weniger eindeutig

Magnesium wird gerade im Functional-Medicine- und Supplement-Bereich häufig mit Stress, Schlaf, innerer Unruhe und auch ADHS in Verbindung gebracht. Eine Meta-Analyse von zwölf Studien fand bei Kindern mit ADHS niedrigere Magnesiumkonzentrationen im peripheren Blut und teilweise auch im Haar als bei Kontrollgruppen.[3]

Eine weitere Meta-Analyse fand ebenfalls niedrigere Serum-Magnesiumwerte. [4]

Verbessert Magnesium bei Menschen mit ADHS die Symptomatik?

Dafür ist die Evidenz wesentlich weniger überzeugend. Es wäre daher wissenschaftlich nicht korrekt, Magnesium als „ADHS-Supplement" zu bezeichnen.

Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei.

Magnesium trägt zur normalen psychischen Funktion bei.

Außerdem trägt Magnesium zu einem normalen Energiestoffwechsel und zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei.


Omega-3: einer der am intensivsten untersuchten Ansätze

Omega-3-Fettsäuren sind vermutlich die bekanntesten Nährstoffe im Zusammenhang mit Gehirngesundheit. Das hat einen guten biologischen Grund. Insbesondere DHA – Docosahexaensäure – ist ein wichtiger struktureller Bestandteil neuronaler Zellmembranen. DHA trägt zur Erhaltung einer normalen Gehirnfunktion bei. Die positive Wirkung stellt sich bei einer täglichen Aufnahme von 250 mg DHA ein.

Was zeigen randomisierte Studien?

Eine 2023 veröffentlichte Meta-Analyse wertete 22 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1.789 Teilnehmenden aus.[5] Über alle Studien hinweg zeigte sich gegenüber Placebo keine statistisch signifikante Verbesserung der ADHS-Kernsymptome. Interessant war allerdings eine Subgruppenanalyse:

In Studien mit einer Behandlungsdauer von mindestens vier Monaten zeigte sich ein kleiner statistisch signifikanter Effekt zugunsten von Omega-3. Eine besonders hohe EPA-Dosis oder ein hohes EPA Verhältnis führte in dieser Analyse nicht eindeutig zu besseren Ergebnissen.[5] Die Interpretation lautet daher:

DHA ist wichtig für eine normale Gehirnfunktion. Ob eine zusätzliche Omega-3-Supplementierung ADHS-Symptome relevant beeinflusst, ist dagegen weiterhin nicht abschließend geklärt.


Vitamin D: Assoziation bedeutet noch keine Kausalität

Auch Vitamin D wird zunehmend untersucht. Eine Meta-Analyse von Beobachtungsstudien mit insgesamt mehr als 10.000 Kindern und Jugendlichen fand bei ADHS niedrigere 25-OH-Vitamin-D-Konzentrationen als bei Kontrollgruppen.[6] Noch interessanter sind Interventionsstudien. Eine Meta-Analyse randomisierter kontrollierter Studien untersuchte Vitamin D zusätzlich zu einer Methylphenidat-Behandlung.[7] In den vier eingeschlossenen RCTs mit insgesamt 256 Kindern zeigten sich kleine Verbesserungen verschiedener ADHS-Scores. Ein diagnostizierter Vitamin-D-Mangel ist selbstverständlich unabhängig von einer ADHS-Diagnose medizinisch zu beurteilen.


B-Vitamine und Folat: biochemisch interessant, klinisch weniger gut untersucht

Auch Vitamin B6, Vitamin B12 und Folat sind aus biochemischer Sicht interessant. Sie sind an zahlreichen enzymatischen Reaktionen beteiligt, darunter Prozesse des Homocystein- und Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsels.

Für Vitamin B6 und B12 gilt: Vitamin B6 beziehungsweise Vitamin B12 trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems und zur normalen psychischen Funktion bei. Auch Folat trägt zu einer normalen psychischen Funktion bei. Die physiologische Bedeutung dieser Nährstoffe ist also gut etabliert.


Was können wir aus der Forschung also wirklich ableiten?

Betrachtet man die Studien insgesamt, entsteht ein differenzierteres Bild als das, was häufig auf Social Media vermittelt wird. Wir haben auf der einen Seite interessante Beobachtungen: Menschen mit ADHS weisen in einigen Studien durchschnittlich niedrigere Konzentrationen bestimmter Mikronährstoffe auf. Besonders häufig werden Unterschiede bei Eisen beziehungsweise Ferritin, Zink, Magnesium und Vitamin D beschrieben.[1,3,4,6]

Auf der anderen Seite ist etwas wesentlich weniger gut belegt: Dass eine pauschale Supplementierung dieser Nährstoffe ADHS behandelt. Hier sind noch weitere und bessere Interventionsstudien nötig.


Literatur

[1] Wang W, Tian L, Xu H, Zhou J, Geng M. Essential Trace Elements Zinc, Iron, Copper and Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents: A Systematic Review and Meta-Analysis of Case-Control Studies. Nutrients. 2026;18(11):1797. doi:10.3390/nu18111797.

[2] Systematic Review and Dose-Response Meta-Analysis randomisierter klinischer Studien zur Zinksupplementierung bei Kindern mit ADHS. Die Analyse bewertete die Evidenz je nach untersuchtem Outcome als moderat bis sehr niedrig.

[3] Huang YH, Zeng BY, Li DJ, et al. Significantly lower serum and hair magnesium levels in children with attention deficit hyperactivity disorder than controls: A systematic review and meta-analysis. Prog Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry. 2019;90:134–141. doi:10.1016/j.pnpbp.2018.11.012.

[4] Effatpanah M, Rezaei M, Effatpanah H, et al. Magnesium status and attention deficit hyperactivity disorder (ADHD): A meta-analysis. Psychiatry Research. 2019;274:228–234. doi:10.1016/j.psychres.2019.02.043.

[5] Omega-3 Polyunsaturated Fatty Acids for Core Symptoms of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. 2023. 22 RCTs; n=1.789.

[6] Vitamin D Status and Attention Deficit Hyperactivity Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis of Observational Studies. Meta-Analyse von 13 Beobachtungsstudien.

[7] The Effect of Vitamin D Supplementation on Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Vier RCTs mit insgesamt 256 Kindern.

Health Claims

Die im Artikel verwendeten Aussagen zu den physiologischen Funktionen von DHA, Eisen, Zink, Magnesium, Vitamin B6, Vitamin B12 und Folat basieren auf zugelassenen Health Claims des EU Register of Nutrition and Health Claims.


Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen gesundheitlichen Information. Er stellt keine individuelle Diagnose oder Therapieempfehlung dar und ersetzt keine ärztliche beziehungsweise therapeutische Behandlung. Insbesondere bei Kindern sollten hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel nicht ohne individuelle fachliche Beurteilung eingesetzt werden.