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ME/CFS – wenn Erschöpfung weit über Müdigkeit hinausgeht

Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist eine komplexe, chronische Multisystemerkrankung. Sie betrifft nicht nur den Energiestoffwechsel, sondern unter anderem auch das Nervensystem, das Immunsystem sowie das Herz-Kreislauf-System. Die Erkrankung kann den Alltag erheblich einschränken und gehört zu den schwerwiegendsten chronischen Erkrankungen hinsichtlich der Lebensqualität.

ME/CFS ist keine gewöhnliche Müdigkeit und auch keine Folge mangelnder Fitness oder fehlender Motivation. Betroffene erleben häufig bereits nach geringer körperlicher oder geistiger Belastung eine deutliche Verschlechterung ihrer Beschwerden. Dieses Merkmal unterscheidet ME/CFS von vielen anderen Erkrankungen.


Das Leitsymptom: Post-Exertional Malaise (PEM)

Das wichtigste Kennzeichen von ME/CFS ist die sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM).

Darunter versteht man eine verzögert auftretende Verschlechterung der Beschwerden nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Belastung. Bereits alltägliche Aktivitäten – etwa Einkaufen, ein längeres Gespräch oder konzentriertes Arbeiten – können dazu führen, dass sich Symptome erst Stunden später verstärken und über Tage oder sogar Wochen anhalten.

Diese Belastungsintoleranz gilt heute als zentrales diagnostisches Merkmal von ME/CFS.


Häufige Symptome

ME/CFS kann sich sehr unterschiedlich äußern. Zu den häufigsten Beschwerden gehören:

  • ausgeprägte körperliche und geistige Erschöpfbarkeit
  • Post-Exertional Malaise (PEM)
  • nicht erholsamer Schlaf
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen ("Brain Fog")
  • Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Kreislaufbeschwerden beim Stehen (orthostatische Intoleranz)
  • erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen oder Gerüchen

Nicht jede betroffene Person entwickelt alle Symptome. Schweregrad und Verlauf können individuell sehr unterschiedlich sein.


Was weiß die Wissenschaft heute?

Die genauen Ursachen von ME/CFS sind bislang nicht vollständig geklärt. Aktuelle Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass mehrere biologische Systeme gleichzeitig betroffen sein können.

Untersucht werden unter anderem Veränderungen

  • des Immunsystems,
  • des autonomen Nervensystems,
  • des Energiestoffwechsels,
  • der Gefäßregulation,
  • des Gehirnstoffwechsels sowie
  • neuroimmunologische Prozesse.

Bei vielen Betroffenen beginnt die Erkrankung nach einer Virusinfektion, beispielsweise nach einer Epstein-Barr-Virus-Infektion oder nach COVID-19. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ausschließlich Viren als Auslöser infrage kommen. Auch andere Mechanismen werden intensiv erforscht.


Wie wird ME/CFS diagnostiziert?

Bis heute gibt es keinen einzelnen Laborwert, der ME/CFS sicher nachweist. Die Diagnose wird anhand international anerkannter klinischer Kriterien gestellt und setzt eine sorgfältige ärztliche Abklärung voraus, um andere Ursachen der Beschwerden auszuschließen.

Zu den wichtigsten diagnostischen Merkmalen gehören:

  • deutliche Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit über mindestens sechs Monate,
  • Post-Exertional Malaise (PEM),
  • nicht erholsamer Schlaf,
  • kognitive Beschwerden und/oder orthostatische Intoleranz.

Warum Pacing heute eine wichtige Rolle spielt

Da körperliche oder geistige Überlastung die Beschwerden häufig verschlechtert, empfehlen viele spezialisierte Zentren ein individuelles Belastungsmanagement, das als Pacing bezeichnet wird.

Beim Pacing lernen Betroffene, ihre persönliche Belastungsgrenze besser wahrzunehmen und Aktivitäten so zu planen, dass starke Überlastungen möglichst vermieden werden. Ziel ist es, wiederkehrende Verschlechterungen ("Crashs") zu reduzieren und die vorhandene Energie möglichst gleichmäßig einzuteilen.

Pacing gilt derzeit als eine wichtige Strategie im Umgang mit ME/CFS. Wie stark einzelne Patientinnen und Patienten davon profitieren, kann individuell unterschiedlich sein und wird weiterhin wissenschaftlich untersucht.


Unser ganzheitlicher Blick

ME/CFS ist eine komplexe Erkrankung, die häufig eine interdisziplinäre Betreuung erfordert. Da bislang keine ursächliche Therapie zur Verfügung steht, richtet sich die Behandlung vor allem nach den individuellen Beschwerden.

In unserer Praxis betrachten wir neben der ausführlichen Anamnese unter anderem Ernährungsstatus, Mikronährstoffversorgung, Schlafqualität, vegetatives Nervensystem, Laborbefunde sowie mögliche Begleiterkrankungen. Naturheilkundliche Maßnahmen können – abhängig von der individuellen Situation – ergänzend in ein ganzheitliches Behandlungskonzept integriert werden. Welche Verfahren sinnvoll sind, wird stets individuell entschieden.


Naturheilkundlicher Selbsthilfe-Tipp

Die persönliche Energiegrenze kennenlernen

Viele Betroffene profitieren davon, ihre täglichen Aktivitäten und Beschwerden über einige Wochen in einem Tagebuch oder einer App festzuhalten. Dadurch lassen sich persönliche Belastungsgrenzen häufig besser erkennen.

Kurze, regelmäßige Erholungspausen werden häufig als hilfreicher empfunden als längere Ruhephasen erst nach einer Überlastung. Gemeinsam mit einer guten Selbstbeobachtung kann dies helfen, den Alltag besser an die individuelle Belastbarkeit anzupassen.


Fazit

ME/CFS ist eine ernstzunehmende chronische Multisystemerkrankung, die weit über gewöhnliche Müdigkeit hinausgeht. Das charakteristische Leitsymptom ist die Post-Exertional Malaise – eine belastungsbedingte Verschlechterung der Beschwerden. Eine sorgfältige Diagnostik, ein individuelles Belastungsmanagement sowie eine symptomorientierte Behandlung bilden nach heutigem Wissensstand die Grundlage der Versorgung. Naturheilkundliche Maßnahmen können – individuell abgestimmt – ergänzend Teil eines ganzheitlichen Behandlungskonzeptes sein.